Schulkreis Zürichberg

Bildungsstandards

Weiterbildungsveranstaltung vom 13.04.2005
Standards - Wundermittel oder Wunderwaffe?

Antworten auf die im Anschluss an die Weiterbildungsveranstaltung vom 13.04.2005 gestellten Fragen .


1. Warum werden die Notenschnitte schlechter, je älter die Schüler/innen werden?

Fast schade, diese Preisfrage zu beantworten. Selber nachdenken, wäre ertragreicher! Ein paar „Theorien“ zur Auswahl:

  • Die SchülerInnen werden von Jahr zu Jahr dümmer - wegen des Sprichworts „Alter schützt vor Dummheit nicht“.
  • Die Lernziele sind von Jahr zu Jahr immer unpassender zu hoch angesetzt, weil es Spass macht, die immer selbstbewusster auftretenden älteren SchülerInnen zum Straucheln zu bringen.
  • Die Lernziele sind auf den unteren Stufen viel zu tief angesetzt, weil man noch nicht gemerkt hat, was die Kleinen heute alles können.
  • Kleine Kinder muss man positiv über ihr wahres Können oder Nichtkönnen belügen, um sie zu motivieren, grössere Kinder/Jugendliche eher negativ unter ihrem Wert darstellen, um sie zu motivieren.
  • Auf den unteren Stufen darf man mit dem Gros der Klasse erfolgreich unterrichten und die Lernziele erreichen; auf den oberen Stufen kommen die Selektionsquoten ins Blickfeld und muss man anfangen, Nicht-Gymnasiasten und Nicht-Sekundarschülerinnen zu definieren.
  • Die Lehrkräfte der jüngeren SchülerInnen sind bessere DidaktikerInnen? und PädagogInnen?, die Lehrkräfte der oberen Stufen sind so schlecht, dass sie das Notenschwert einsetzen müssen, um die Lernenden noch bei der Stange zu halten.
  • Die Lehrkräfte der unteren Stufen kasperln ein bisschen herum und erteilen feige-anbiedernd Gratisnoten; die Lehrkräfte der oberen Stufen müssen dann halt irgendwann mit seriösem Unterricht anfangen.
  • Weil es auf den unteren Stufen noch zu viele Lehrpersonen ohne oder mit Schwachstrom-Matur hat. Wenn mal alle eine ordentliche Matur haben und deshalb ihren Gauss gelernt haben, werden die Noten auch auf den unteren Stufen wieder ordentlich schlechter.
  • Eigentlich müsste es ja umgekehrt sein, weil die Schule die Unsummen von öffentlichen Geldern nämlich für die Tüchtigkeitssteigerung (und nicht das chronische Schlechterwerden) der Jugend bekommt. Weil die PISA-Tests nur auf den oberen Stufen durchgeführt werden, ist es jedoch taktisch klug, dort Schulversagen zu mimen, um zu Mehrinvestitionen zu kommen oder wenigstens nicht noch mehr Sparrunden aufgebrummt zu bekommen.
  • Die Eltern verlangen das.
  • Der Liebe Gott hat das so eingerichtet.
Übrigens: Es gibt auf den oberen Schulstufen ebenso wundersame systematische Notenschnitt-Differenzen zwischen Fächern. Sie können das Spiel „Wer findet die originellste Erklärung?“ auch zu diesem Thema durchspielen... (Anton Strittmatter)


2. Harmos bringt u.a. Schülerverteilung nach Kompetenzniveaus = Selektion? PISA hat doch gezeigt, dass Spitzenreiter eben keine Selektion betreiben! Warum dennoch Selektion?

  • Harmos ist ein Testinstrument, es hat als solches keinen Einfluss auf die Organisation der Schule. Zudem beweist PISA lediglich, dass man auch mit einem wenig selektiven System sehr guten Erfolg haben kann, nicht aber schlüssig genug das Gegenteil. Es müssen eben sehr viele Gelingensfaktoren zusammenspielen, die Schulstrukturen sind nur einer davon.

3. Gibt es die Möglichkeit für das „System Schule“ die Instrumente Basic Check und Multi Check zu integrieren (einzukaufen) und somit ein flächendeckendes Instrument zur „Standort-Bestimmung“ (welches zudem von der Wirtschaft anerkannt ist) zur Verfügung zu stellen?

  • Die Tests wurden eingeführt, weil die nachfolgenden Stufen, dem Zeugnis nicht mehr „trauen“, die Schule sollte selber so gute Instrumente haben, dass die Tests sich überflüssig machen ( z.B. Stellwerk 2).
Allgemein ist zu sagen, dass unsere Bildungsgesetze den Lehrplan als Definitionsaufgabe der demokratisch legitimierten Politik und ihrer Behörden bestimmen. Es ist nicht vorgesehen, die Lehrplanhoheit der UBS oder dem Gewerbeverband zu übergeben. Weil anderseits auch die Kritik der Abnehmer ernst zu nehmen ist, sollte endlich mal eine neue Art von öffentlicher Lehrplandebatte gefunden werden.


4. Die Lehrpläne haben bislang ganz bewusst auf Standard-Setzung verzichtet und Inhalte umschrieben. – Soll sich das jetzt ändern? – Standards sind eine elastische Grösse. Dann wird es jeweils neue Lehrpläne brauchen, bevor die alten erscheinen.

  • Wenn das neue Volksschulgesetz angenommen wird (5. Juni), muss der Lehrplan neu mit Jahrgangszielen umgeschrieben werden. Wenn Stellwerk eingeführt würde, müsste die Lehrplankompatibilität überprüft und gegebenenfalls Zwischenlösungen eingeführt werden. Mindest-Standards sind überdies nicht so elastisch wie wechselnde Modeforderungen und dürften sehr lange Bestand haben, wenn man sie gründlich erarbeitet (was bei HarmoS? vorgesehen ist).

5. Sind nicht eingeforderte Mindeststandards am Ende der der Volksschulzeit allzu defizitorientiert? Warum nicht partiell schwächere Schülerinnen in den letzten (zwei) Schuljahren primär in ihren Stärken fördern? > Fokus weniger auf Problem als auf Lösung.

  • Die Überprüfung soll in der 2. und 6. Klasse und 2. Oberstufe mittels Harmos geschehen, das Stellwerk ist für das letzte Jahr gedacht. Die Förderung der Schüler ist in den Stärken unabdingbar, aber auch die Frage, wie die Stärken zur Lösung der Schwächen eingesetzt werden könnten ist wichtig.

6. Standards für musische Fächer / Musische Fächerstandards seien schwieriger festzulegen als diese der kognitiven Fächer! / Warum werden das Üben der kognitiven Fähigkeiten im praktischen Bereich, die tatsächlichen Erfahrung der Schüler von Begriffen und die Füllung der Begriffshülsen mit Inhalt so wenig erwähnt (z. B. reicht ein „schlecht gemessener“ Meter eben nicht für die gewünschte Hosenlänge > Mathematik; z.B. ist „lisme“ stricken, ist „Güfeli“ eine Stecknadel > Sprachschatzerweiterung). / Musische Fächer sind Übungsfelder für das reale Leben, für verschiedene kognitive Kompetenzen, sowie soziale, wirtschaftliche Fähigkeitserlangungen... / Aus diesen und vielen weiteren Gründen sollten die Standards für musische Standards mitentwickelt werden. / Falls sie nicht gleichzeitig entwickelt werden, ist eine Abwertung der m. Fächer vorprogrammiert und unreparierbar.

  • Die Forderung des LCH, auch auf den musischen Fächern (und zu anderen, z.B. im Bereich der Geschichte und der politischen Bildung) Standards zu verlangen, hat kein Gehör gefunden. LCH und z.B. ZLV sind dabei, verschiedene Massnahmen zur Förderung des Ansehens dieser Fächer (das sie übrigens wirklich haben) zu realisieren. Eine neue Chance bietet sich beim geplanten „Lehrplan Deutschschweiz“.
Standards können übrigens in allen Fächern sehr wohl formuliert werden. Das ist in Mathematik oder Französisch nur anders schwierig wie in Werken oder Musik. Das Problem fängt dann an gravierend zu werden, wenn man Leistungsbeurteilung auf „Chrützlitests“ reduziert. Das läuft dann aber in allen Fächern auf eine unzulässige Verkürzung der Bildungsaufgabe hinaus.

(Juni 2005 / Lilo Lätzsch)

 
(C) Schulkreis Zürichberg Daniel Bellot letzte Änderung: 2. Juli 2005